aus der WZ vom 25.6.2003

Schüler knüpften erste Bande in Tallin
14-köpfige Gruppe aus Krefeld reiste zum ersten Mal ins Baltikum. Angeregt wird ein Schüler-Austausch zwischen dem "Moltke" und einem estnischen Gymnasium.

Krefeld. Estland war für die Abiturientia 1953 des Gymnasiums am Moltkeplatz bis vor wenigen Tagen ein weitgehend unbekannter Staat an der Ostsee, am finnischen Meeresbusen gelegen. Dabei ist das kleine Land im Baltikum schon seit 1981, als das Reisen in den Osten durch den Eisernen Vorhang fast unmöglich war, ein Ziel des Freundeskreises. "Wenn mein Vaterland frei ist, müsst ihr mein Land besuchen", beschwor Ilo Riedberg, die Ehefrau eines Mitschülers und gebürtige Estin, den Kreis damals in Paris, wo die Riedbergs heute leben.

Und nach der gemeinsamen Jubiläumsfeier anlässlich ihres Abiturabschlusses vor 50 Jahren, fassten die ehemaligen Schulkameraden endlich den Entschluss, im Juni nach Estland zu reisen. Dass die 14-köpfige Gruppe keine Pauschalreise gebucht hatte, wurde ihnen recht schnell bewusst. Ob bei eigens für sie angesetzten Konzerten oder Führungen, überall, wo die "Schülergruppe" während ihres fünftägigen Aufenthaltes auftauchte, genoss sie eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit.

Man muss freilich wissen, dass Ilo Riedberg in Estland nicht nur durch ihre Stiftung für junge Autoren bekannt ist. Ihr Vater, Juhan Laik (1899-1948), ist noch heute ein hoch angesehener Nationaldichter in Estland. Er gehörte zu einer kleinen Gruppe von estnischen Literaten, die ihre Werke in der kurzen, besatzungsfreien Periode des 20. Jahrhunderts schrieben und mit denen sich die heutigen Esten identifizieren. "Ilo Riedberg ist dort bekannt wie ein bunter Hund", berichtete der mitgereiste Hans-Wolfgang Stockhausen.

Ein Ausdruck dieser Wertschätzung ist der exklusive Stadtführer, den die Abiturientia in der Hauptstadt Tallin zur Hand bekam. Denn mit Mart Laar erhielten sie nicht nur einen Kenner der mittelalterlichen Hansestadt, der heutige Parlamentsabgeordnete wurde schon zweimal zum Ministerpräsident Estlands (von 1994-1999 und von 1999-2002) gewählt. So gewannen die Krefelder nicht nur einen Einblick in die abwechslungsreiche Geschichte der Stadt und des Landes, Mart schilderte den Gästen aus Westeuropa gleichzeitig die aktuellen Hoffnungen und Sorgen des estnischen EU-Beitrittskandidaten.

Sowohl bei dieser Stadtführung, als auch bei einem Abendessen mit dem Parlamentsmitglied Andres Tarand (Ministerpräsident von 1994-95) versäumten die ehemaligen Schüler des Moltke die Gelegenheit nicht, das bis dato dort unbekannte Krefeld und ihre Schule den beiden Politikern vorzustellen und für die Seidenstadt zu werben. Einen Bildband über Krefeld, Informationsmaterial über die Stadt sowie eine Moltkekrawatte überreichten sie den zwei Ex-Ministerpräsidenten.

"Wir hatten zwar keinen Auftrag, aber wir wollten Krefeld bekannt machen und ihre Neugier wecken", meinte Stockhausen, der auf jeden Fall den Kontakt nach Estland weiter aufrecht erhalten. Deswegen wird er der Schulleitung des Moltke einen künftigen Schüleraustausch mit einem Gymnasium in Tallin vorschlagen.